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Sandrina Illes – „Ich wünsche mir mehr Toleranz.“

Sandrina Illes ist DIE Duathletin in Österreich. Sie hat nicht nur vielfache Staatsmeistertitel errungen, sondern auch schon einige EM- und WM-Medaillen. Alleine vom Duathlon leben zu können ist, wie man sich vorstellen kann, natürlich mehr als schwierig. So ist Sandrina Illes neben ihrer Profikarriere auch selbstständig und führt LAUFanalysen und Trainingsbetreuung durch. Die Coronakrise hat sie nun natürlich in beiden Bereichen sehr hart getroffen. Keine Bewerbe bedeutet kein Preisgeld, der Wegfall von Sponsorengeldern und in ihrer Selbstständigkeit darf Sandrina keinen Kundenkontakt mehr haben.

Sandrina Illes Ziel




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Welche Auswirkungen hat das Coronavirus auf dein Privatleben?

Schon vor der offiziellen Regelung konnte mein Mann von zu Hause aus arbeiten. Wir sind somit zu zweit auf 50qm und das Wohnzimmer ist gleichzeitig Büro-Arbeitsplatz für beide. Nachdem aber der Wienerwald vor der Haustür ist und wir nie von einer kompletten Ausgangssperre betroffen waren, klappt das sehr gut. Ich vermisse aber meine Trainingsgemeinschaft, das sind enge Freunde über die Jahre geworden. In den letzten Wochen habe ich soviel telefoniert, wie in den ganzen letzten Jahren zusammengerechnet.

Die momentanen Ausgangsbeschränkungen führen aber zu einer Situation, wie ich es als Sportlerin durchaus auch auf Reisen, bei Höhentrainings gewohnt bin – Training nur alleine oder lockere Einheiten gemeinsam mit meinem Mann, sonstige Aktivitäten sind Einkaufen im Supermarkt oder mal ein gemeinsamer Spaziergang. Neu ist nur, dass man nicht weiß, wann es wieder Wettkämpfe geben wird.

Wie gestaltest du aktuell dein Training?

Leider hat mein Fuß den Wegfall der Trainingsmöglichkeit auf der Tartanbahn nicht gut verkraftet und ich habe mich beim Asphalttraining verletzt. Physiotherapie fällt auch aus. Somit sitze ich derzeit fast ausschließlich am Rad. Krafttraining ist ja auch nur mehr als eingeschränkt zu Hause möglich.

Umfänge und Inhalte sind für mich im gewohnten Bereich – denn meine Jahresplanung war schon seit Jänner auf die Duathlon-WM im September ausgerichtet. Nachdem diese noch nicht abgesagt oder verschoben wurde, versuche ich, mich so gut als möglich darauf vorzubereiten!

Sandrina Illes Rad

Wie trifft dich die Situation in deiner Selbstständigkeit?

Doch recht deutlich – direkter Kundenkontakt ist momentan nicht möglich und gemeinsam mit dem Wegfall von Preisgeldern und Prämien sowie einem Sponsorenvertrag habe ich um die 50% Umsatzeinbußen (das ist noch schwer für das ganze Jahr abzuschätzen und hängt vor allem davon ab, ob es 2020 überhaupt noch Wettkämpfe gibt, ob ich dafür fit bin und wie stark mögliche Sponsoren und Sportvereine und –verbände ebenso finanziell unter der ganzen Situation zu leiden haben).

Als Selbstständiger weiß man natürlich, dass immer etwas sein kann (etwa auch eine Erkrankung von einem selbst) und muss das in „guten Jahren“ einkalkulieren. Dennoch bin ich auch auf die Solidarität meiner Kunden angewiesen, um auch in den nächsten Jahren im Leistungssport aktiv sein zu können.

Wie gehst du damit um? 

Mit meiner Trainingsgruppe bin ich online in Kontakt. Das Angebot einer Video-LAUFanalyse ist neu aus der Situation entstanden – und bietet auch Chancen für Läufer, die ohnehin nicht die Reise nach Wien antreten möchten. Aber nicht alles lässt sich online klären. Es hat Vor- und Nachteile.

Nach meinem WM-Titel 2018 habe ich ja auch ein Buch geschrieben, das sich jetzt problemlos versenden lässt – und dem einen oder anderen die Fadesse zu Hause zu überbrücken hilft.

Sandrina Illes Buch

Hier könnt ihr ihr Buch „Sandrina Illes – Duathlon“ erwerben und sie damit unterstützen: https://www.sandrina-illes.at/buchprojekt

Welche Chancen siehst du durch die Krise?

Sie führt zu einer gewissen „Erdung“ und Demut – ähnlich, wie ich es nach meinen Afrikareisen erfahren habe. Es wäre aber gelogen, zu behaupten, ich wünschte mir nicht möglichst schnell mein „altes Leben“ zurück.  Wettkämpfe sind für mich einfach das, was ich am Allerliebsten mache. Diese fehlen mir. Außerdem bin ich ein Planungsmensch. Ich liebe es, Monate im Voraus meine Höhepunkte festzulegen und gezielt darauf hinzuarbeiten. Mir ist aber absolut bewusst, dass das Kleinigkeiten sind und andere Menschen wirklich sehr viel mehr unter der momentanen Situation leiden.

Wir haben etwa ein Patenkind in Kenia, über Run2Gether. Dort sind die Schulen genauso geschlossen wie hier, aber ohne Möglichkeit des „Online-Lernens“. Wenn man weiß, wie die Hütten dort aussehen, dann wünscht man sich, dass der Ausnahmezustand ganz, ganz schnell vorbei ist und vor allem niemand Hunger leiden muss, weil die Mahlzeiten in der Schule ausfallen. Aber auch hier gibt es Leute, die alleine wohnen und damit gar nicht gut zurecht kommen. Weiters jene, die wirklich um ihre Existenz fürchten müssen. Da ist Sport dann irgendwie „Nebensache“.

Dennoch möchte ich das „Fingerzeigen“ ankreiden. Es ist ja völlig in Ordnung, wenn jemand für sich selbst entscheidet, sich über die gesetzlichen Vorgaben hinaus einzuschränken – und etwa sein gesamtes Training indoor zu absolvieren oder bewusst auf Intervalle oder lange Einheiten zu verzichten. Dennoch sollte man anderen zugestehen, dies anders handzuhaben. Ich wünsche mir mehr Toleranz auch innerhalb der Sportlergemeinschaft.

Ich bin in der derzeitigen Situation so unterwegs, wie ich es immer in Afrika weitab jeglicher guter medizinischer Versorgung war. Natürlich – passieren kann immer etwas. Aber für mich ist es undenkbar, über Wochen und Monate auf Bewegung in der freien Natur zu verzichten. Das macht einerseits einen Großteil meines Lebensinhalts aus, andererseits ist es aber auch mein Beruf. Denn wer jetzt seine Form versumpern lässt, wird weder im Herbst noch im nächsten Jahr Chancen auf Preisgelder haben. Lebensumstände und Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich. Ich komme mit Einschränkungen im Sozialleben gut zurecht, Bewegung draußen ist aber elementar für mich.

Sandrina Illes Laufen




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