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Christoph Schlagbauer – „Ich brauch nicht jammern, mir geht’s nicht schlecht.“

Christoph Schlagbauer ist erfolgreicher, oder wie er selbst sagt „semiprofessioneller Triathlet“ und mit seiner Firma GET Endurance als selbstständiger Sportwissenschaftler tätig. Die gegenwärtige Krise, ausgelöst durch den Coronavirus und die vorgeschriebenen Ausgangsbeschränkungen, beeinflussen demnach nicht nur seine persönlichen Pläne als Triathlet sondern auch seine Selbstständigkeit. Im Interview hat er uns seine Gedanken und Pläne zur Situation mitgeteilt.

Christoph Schlagbauer Profilbild



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Welche Auswirkungen hat das Coronavirus auf dein Privatleben?

Ehrlich gesagt habe ich nun das Gefühl endlich wieder etwas mehr davon zu haben. Dadurch, dass einiges an Training sowie die Zeit im Auto weg fällt, bleibt mehr übrig für anderes. Obwohl die Arbeit im Backoffice in meinen Jobs ja trotzdem zu machen ist. Habe gerade gefühlt mehr Kontakt mit Freunden als zuvor – zwar virtuell, aber doch. Wo man sich vorher drei Mal zum Kaffee versetzt hat, gibt’s jetzt halt das Bier via Videokonferenz. Wo vorher die Antwort auf WhatsApp um 23 Uhr kam, kommt sie jetzt drei Sekunden nach Erhalt der Nachricht. Alles andere kann man eh wieder nachholen wenn’s passt.

Ebenso bin ich viel zu Hause bei der Family, wo ich ansonsten meist nur zum Schlafen oder ein paar Trainingseinheiten am Land vorbeischneie. Habe mich noch rechtzeitig vergangenen Sonntag Abend aus Graz heraus aufs Land geflüchtet. Fest im Plan habe ich auch wieder mehr bei der Stallarbeit zu helfen, wie sonst nur im Winter – und zu schauen, wie sich der neue Traktor vom Papa so fährt 😉

Wie gestaltest du aktuell dein Training?

Ich bin seit vergangen Freitag in der Trainingspause. Als ich die Situation so beobachtet habe, hat’s mich am Donnerstag im geplanten 1km-Intervalltrainig etwas ausgehängt und es ist ein 5km-Lauf in 15:48 worden, weil ich mir gedacht hab, dass ich nochmal wissen will, wie schnell ich bin bevor ich meine gute Form in allen Disziplinen hinwerf. Tja, dann war da noch ausradeln und eine verkrampfte letzte Schwimmeinheit am Freitag und das war‘s dann mit konstruktivem Training.

Aktuell steht Stabi und bisschen locker laufen am Programm. Zwei Mal war ich 45 Minuten im Wald meiner Eltern locker am Bike. Ich hab keinen Sinn gesehen ins Ungewisse zu trainieren, nachdem ich zuvor schon einen sehr großen Umfang abgespult habe. Um die gute Form – ich wollte bei den Duathlon-Staats das erste Mal angreifen – aufrecht zu halten, wäre einiges an Training samt Intensität notwendig gewesen und das steht momentan nicht dafür. Und da ich mir persönlich vor Juli, August keine Rennen vorstellen kann, wär’s auch psychisch nicht drin gewesen.

Christoph Schlagbauer Wintertriathlon Asiago

Wie trifft dich die Situation in deiner Selbstständigkeit?

Grundsätzlich bin ich mal froh, dass ich nebenbei noch die Sachbearbeitung in einer anderen Firma mach, in der ich fest angestellt bin. Sonst wüsste ich nicht, ob mir mental gerade alles so stressfrei von der Hand ginge. So kann ich mal meine privaten Fixkosten sicher abdecken.

Seitens meiner Firma GET Endurance und meines Vereines ASU Mortantsch, dessen Obmann ich bin, kann ich aktuell noch nicht viel sagen. Der Verdienstentgang liegt mittlerweile bei 100%. Meine täglichen Kurse mit Firmen, Vereinen und Kids habe ich schon vor allen anderen ausgesetzt. Ich hatte am Mittwoch (11. März) meinen letzten Athletikkurs und hab am Donnerstag alles bis Ostern abgesagt. Darunter fallen leider auch zwei Trainingslager (einmal das Camp des Steirischen Triathlon-Nachwuchskaders und einmal das Ironman 70.3 Graz Camp), die ich zu Ostern geleitet hätte und ein Neotestschwimmen von sailfish.

Am Samstag (21. März) hab ich dann leider auch alle Trainingsplanungen einvernehmlich ausgesetzt. Ich konnte es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren ihnen da mehr als 2 Stunden locker rollen draußen einzutragen und selbst das taugt mir nicht.

GetEndurance Out Of Public

Abgesehen davon tut man sich als Trainer ein bisschen schwer Athleten für ein Ziel in deren Kopf zu trainieren, bei dem du selbst aber davon ausgehst, das dieses Ziel nicht erreichbar sein wird (weil’s meiner Meinung nach die dazugehörigen Rennen nicht geben wird). In der vergangenen Woche hat sich aber bei den Athleten ohne mein zutun die gleiche Meinung eingestellt, womit das Aussetzen und freie Trainieren nach Lust und Laune mit regelmäßigen Videos und Tipps die einzig logische Konsequenz für mich war. Wir sprechen hier aber von reinen Hobbyathleten mit Familien zu Hause.

Wie gehst du damit um?

Aktuell biete ich meinen Bestandsathleten jeden zweiten Tag eine Gratis-Einheit via YouTube als kleines Dankeschön.

Online Coaching

Zudem konnte ich mir über einen Sponsor für kommende Woche ein paar Smart-Trainer organisieren, die ich versuchen werde zu verkaufen, um meine Firma zu retten (also falls ein Leser sowas zu einem Spottpreis haben will: info@get-endurance.com 😉 )
Das war mal die eigene Rettungsinitiative.

Bin sehr froh, dass ich in Vergangenheit nichts schwarz abgerechnet hab (Pfuscher gibt’s im Triathlon genug). Darum hoffe ich schon auf den Härtefonds seitens des Staates. Ich versuche auch die Vorgaben der Regierung strikt zu verfolgen. Aus meiner Sicht sind andere Selbstständige, die jetzt selbst ihre 5-Stünder auf Strava posten oder ihre Athleten harte Einheiten trainieren lassen, Heuchler, wenn’s dann bei der SVS oder beim Finanzamt Erleichterungen haben wollen und zusätzlich noch a bisserl a Nothilfe aufs Firmenkonto. Wenn ich wo was brauch, tue ich mit und rette in dem Fall gleichzeitig damit ein paar Leben (es spricht natürlich nichts gegen ein, zwei Stunden radeln per se).

Bezüglich Zukunft muss man schauen. Ich sollte heuer selbst noch vor der Herausforderung eine Steirische Meisterschaft im Aquathlon als Veranstalter durchführen zu sollen ohne zu wissen wann die Krise ein Ende hat und was die täglichen Einheiten betrifft, gilt es abzuwarten. „Abwarten“ ist glaube ich sowieso das Beste in meiner Branche, wenn man nicht ins Online-Coaching gehen will.

Welche Chancen siehst du durch die Krise?

Auch wenn ich vor neuen Herausforderungen stehe, war es für mich grundlegend mal eines: Burnout-Prävention. Seit ich mich nicht mehr außer Haus stressen muss, merke ich, wie schlecht es mir vorher mit dem Dauerstress, irgendwo sein zu müssen oder irgendwas machen zu müssen, gegangen ist. Gleichzeitig motiviert mich das sportlich, wenn ich dran denke, was mit recht viel nebenbei im Training alles weitergegangen ist. Da ist in Zukunft viel möglich, wenn ich die „Off-Season“ jetzt nutze mehr Struktur in Arbeit und Alltag zu bringen. Ohne Scherz jetzt, ich arbeite gerade an einer To-Do-List der GET Endurance, die ich für die Weihnachtsfeiertage geschrieben habe. Gleichzeitig trinken wir am Abend virtuell unsere ein zwei Bier und alles ist gut – für uns. Ich brauch nicht jammern, mir geht’s nicht schlecht – gejammert und gestänkert wird eh von anderen für mich mit 😉

Mein Ziel wäre es sowohl beruflich als auch sportlich in der Form weiter zu machen wie bisher, jedoch mit einer soliden organisierten Basis, die ich seit meiner Firmengründung 2016 gefühlt nie hatte, weils immer so nebenbei daher gewurschtelt war.

Christoph Schlagbauer Wintertriathlon Asiago 2019 Bike

Ich glaube was Triathlon betrifft, sitze ich im Boot mit vielen eurer Leser. Ein Monat ohne schwimmen im Becken ist das Beste was jedem von uns passieren kann, wenn man die gleiche Zeit für Kräftigung- und Beweglichkeitstraining sowie geile Zugseilprogramme aufwenden würde. Klar, braucht man dann wieder ein paar Einheiten für’s Gefühl, aber samma uns ehrlich. Wenn einer einen Plan eines Online-Trainers runterschwimmt und keine Ahnung von dem hat was er tut und warum er gewisse Sachen alleine schwimmt. Wie groß wäre der Fortschritt bis Mai gewesen, wenn man schon ein paar Jährchen dahinschwimmt. Ähnliches gilt glaube ich fürs Laufen. Ich werde das Radeln die nächsten Wochen eher zum Lockern einbauen.

Ach ja, falls das die Mama auch liest. Natürlich denke ich auch dran, mal meine Masterarbeit zu finalisieren, wenn die Krise noch etwas dauert 😉

 




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About Tri Your Life

Tri Your Life
Tri Your Life ist das Herzensprojekt von Katharina und Christian Feuchtner aus Schleißheim bei Wels (Österreich). Wir sind zwei leidenschaftliche Hobbysportler und betreiben in unserer Freizeit diverse Ausdauersportarten und vor allem Triathlon. Wir teilen nicht nur die Liebe zum Sport, sondern auch die Leidenschaft für das Schreiben und Fotografieren.

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